Mit punktgenauer Hitze gegen Plastikberge

Die Gründer von Wattron ließen sich durch die Absagen aus der Verpackungsbranche nicht entmutigen: Ronald Claus von Nordheim, Marcus Stein, Michaela Wachtel und Sascha Bach © Matthias Lüdecke

Pressemitteilung watttron - FAZ am 15.10.18

VON MICHAEL KUNZE

Die Verpackungsindustrie wollte sie nicht. Deshalb haben Forscher mit ihrer Kunststofftechnologie eine Firma gegründet und Lebensmittelhersteller ins Boot geholt.

Wie sich der Kunststoffverbrauch verringern lässt, ist eines der Forschungsfelder der Verpackungsindustrie. Das dachten sich vor Jahren vier Wissenschaftler in Dresden. Doch weit gefehlt: Denn als die seinerzeit am dortigen TU-Institut für Naturstofftechnik und in einer Fraunhofer-Einrichtung tätigen Maschinenbauer Verpackungsherstellern ihre Matrix-Heiztechnologie schmackhaft machen wollten, ernteten sie nur Absagen. „Wir wollten sie bei großen Maschinenbauern etwa für die Joghurtbecher-Produktion lizenzieren lassen. Immerhin werden täglich allein in der EU mehr als 8550 Tonnen hitzegeformte Kunststoffverpackungen – viele davon derartige Becher – hergestellt“, sagt Marcus Stein.

„Doch kein Unternehmen hatte Interesse“, ergänzt der 29 Jahre alte Ingenieur. Er war einer der Wissenschaftler und hat mit den Kollegen daraufhin im Februar 2016 in der nahen Kleinstadt Freital die Firma Watttron gegründet, um Produktentwicklung und Markteinführung selbst voranzutreiben. Wie sich Joghurtbecher und Zahnbürsten, Tabletten, Shampoos oder Druckerpatronen im Vergleich zu konventionellen Verfahren mit deutlich weniger Material- und Energieeinsatz herstellen oder verpacken lassen, lautete eine der Fragen, für deren Klärung das Team 2007 erste Patente anmeldete. Und seither viele Preise gewann.

Der Vorteil ihrer Methode: Sie kann Kunststoffe derart präzise erhitzen, dass diese sich in der gewünschten Materialverteilung formen lassen. Dazu wird in Verpackungsmaschinen eine Heizmatrix installiert, deren Oberfläche mit Leiterbahnen ausgestattet ist. Damit kann der Kunststoff auf kleinster Fläche je verschiedenen Temperaturen ausgesetzt werden. „Bei konventionellen Verfahren ist mal die Becherwand am dicksten und der Boden am dünnsten – oder andersherum. Das können wir vermeiden“, sagt Stein.

Deshalb ließen sich die Gründer durch die Absagen aus der Verpackungsbranche nicht entmutigen und stellten ihre Entwicklung namhaften Lebensmittelherstellern vor. „Denn was unser System leistet – 30 Prozent Material und mindestens ebenso viel Energie einzusparen –, ist auch für sie interessant“, so der Kaufmännische Geschäftsführer von Watttron. Mit der Hard- und selbstentwickelter Software lassen sich zudem traditionelle Anlagen nachrüsten. Das Potential, damit den Markt aufzurollen, haben führende Lebensmittel- und Konsumgüterhersteller wie Procter & Gamble erkannt: Um die Leistungsfähigkeit des Heizsystems unter Beweis zu stellen, arbeitet Watttron mit diesen und anderen Konzernen derzeit an Machbarkeitsstudien, sagt der gebürtige Grimmaer.

Im Zentrum steht der Nachweis, dass die Module mit je 64, auf vier mal vier Zentimeter Fläche angeordneten Heizpixeln für den geforderten Langzeiteinsatz taugen. Gelingt er, wiegen weitere Vorteile: Die dünnen keramischen Platten, deren Heizkreise im Siebdruckverfahren aufgetragen werden, kommen mit einer kurzen Aufheizphase aus, sind also schnell einsatzfähig und lassen sich individuell anordnen. Dank integrierter Sensoren kann der Vorgang in Echtzeit ausgewertet und angepasst werden.

Neben der Matrix-Technologie haben die Freitaler unter Führung von Stein, dem Technischen Geschäftsführer Sascha Bach (40), Prokurist und Produktionsleiter Ronald Claus von Nordheim (36) sowie der später zum Unternehmen gestoßenen Volkswirtin Michaela Wachtel (34 Jahre) mit nunmehr 17 Mitarbeitern ein Siegel-Heizsystem entwickelt. Damit kann Kunststoff geschweißt werden – nicht nur in Ringformen mit unterschiedlichen Breiten und Durchmessern, fügt Stein hinzu, sondern weltweit erstmalig komplizierte, unregelmäßige Verpackungsgeometrien.

Obwohl sich sämtliche Verfahren in der Pilotphase befinden, erwirtschafte Watttron seit Gründung Umsatz. 2016 waren es 100 000 Euro, im vergangenen Jahr 500 000 Euro, jeweils profitabel. 2018 soll die Millionen-Euro-Marke beim Umsatz geknackt werden, auch wenn angesichts des Wachstumskurses diesmal mit roten Zahlen gerechnet wird. „Deshalb wachsen wir langsam mit unseren Kooperationspartnern und deren Marktwissen“, ergänzt Stein. Auch Maschinenbauer seien nun im Boot. Schließlich berge die Technologie zudem Anwendungsmöglichkeiten etwa bei der Ausformung von Kaffeekapseln, Kaffeesahneabpackungen oder der Versiegelung von Beuteln aller Art. Für das kommende Frühjahr rechnen Michaela Wachtel und Marcus Stein mit der Serienreife des Siegel- und für Ende 2019 mit der des Matrix-Heizsystems.

Dass die Gründer von Watttron – aus „Watt“ für die gleichlautende Leistungsmaßeinheit und „tron“ für „Elektronik“ – in der Region geblieben sind, haben sie nicht bereut. Trotz des schwierigen Rufes, der Sachsen derzeit mancherorts vorauseilt. „Wir hatten auch schon ausländische Interessenten, die mit Verweis auf den Firmensitz eine Stelle nicht angetreten haben“, sagt Stein und bedauert dies angesichts realer Probleme. Trotz derartiger Herausforderungen sei das Team aus Maschinenbauern, Informatikern, Mathematikern und Technikern international zusammengesetzt.

Dresden wie Freital punkten in seinen Augen mit bezahlbarem Wohnraum, Hilfe auch aus der Politik bei der Ansiedlung, der Technischen Universität mit Fraunhofer-, Leibniz- und anderen Forschungseinrichtungen als wissenschaftlichen Kooperationspartnern und Anlaufstellen zur Mitarbeitergewinnung sowie guter Zug-, Autobahn- und Flughafenanbindung. Auch die Zulieferer-Infrastruktur für Bauteile wie Leiterplatten und Heizer stimme, die im Freitaler Technologie- und Gründerzentrum am an Kapazitätsgrenzen stoßenden Standort montiert und programmiert werden.

Für die nächsten Jahre formuliert Stein ein ambitioniertes Ziel: Man wolle mit den Partnern in Lebensmittel- und Verpackungsbranche ein Plattformangebot schaffen, das etwa auch in der chemischen Industrie und weltweit zum Einsatz kommen kann. Die Internationalisierung der Absatzmärkte werde dabei angesichts von rund 80 Prozent Exportquote im Maschinenbau von den Kunden selbst vorangetrieben, sagt er.

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16. Okt. 2018

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