Rohstoffwende in der chemischen Industrie – Studie zur Zukunft des Mitteldeutschen Stoffverbundes
News / 15. April 2026
Der Mitteldeutsche Stoffverbund (MDSV) zählt zu den bedeutendsten integrierten Chemieclustern Deutschlands mit eng verbundenen Stoffströmen zwischen den dazugehörigen Standorten. Ein zentrales Element des Clusters ist der bisher von DOW betriebene Steamcracker in Böhlen. Dieser stellt große Mengen petrochemischer Basischemikalien wie Ethylen, Propylen und Aromaten bereit. Die geplante Stilllegung des Steamcrackers bis Ende 2027 stellt den MDSV vor einen tiefgreifenden Strukturbruch.
Im Rahmen des Verbundvorhabens »House of Transfer« erarbeitete das Center for Economics and Management of Technologies (CEM) des Fraunhofer IKTS in Kooperation mit dem BioEconomy e.V. und dem Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES eine Studie, die die Betroffenheit nachgelagerter Wertschöpfungsstufen durch die Stilllegung analysiert und daraus belastbare Handlungsoptionen für eine resiliente und nachhaltige Weiterentwicklung des MDSV ableitet.
Erstmals werden dabei die Stoffströme des gesamten Verbunds quantitativ und standortübergreifend abgebildet und mit technoökonomischen Modellen verknüpft. Auf dieser Grundlage werden Transformationspfade systematisch analysiert und hinsichtlich Energie-, Rohstoff- und Infrastrukturbedarfen vergleichend bewertet.
Basierend auf technologischer Reife, Skalierbarkeit und regionaler Anschlussfähigkeit identifiziert die Studie drei grundlegende Transformationspfade bis 2035:
- die Weiterentwicklung bestehender Cracker-Strukturen über alternative, nicht-fossile Naphtha-Äquivalente,
- die Umstellung auf methanolbasierte Prozessrouten sowie
- die gezielte Substitution petrochemischer Zwischenprodukte durch biotechnologische Verfahren.
Alle drei Pfade stellen unterschiedliche Anforderungen an Rohstoffbasis, Energieeinsatz und Infrastruktur und weisen jeweils spezifische Vor- und Nachteile hinsichtlich Systemintegration, Skalierbarkeit und Produktportfolio auf.
Aus der Analyse der Transformationspfade ergeben sich drei wesentliche Erkenntnisse:
- Der Mitteldeutsche Stoffverbund kann nach der Stilllegung des Steamcrackers nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn er seine Standortvorteile gezielt nutzt. Eine vollständige Umstellung auf nachhaltige Rohstoffe bei Beibehaltung der heutigen Strukturen gilt als unrealistisch. Stattdessen braucht es neue, regionale Rohstoff- und Energiequellen, die mit der Anpassung der Produktionstechnologien einhergehen.
- Alle untersuchten Transformationspfade erfordern massive Investitionen in Infrastruktur. Besonders für Biomasse, CO₂, Wasserstoff und erneuerbare Energien müssen neue Versorgungsnetze aufgebaut werden, die künftig entscheidend über die Wettbewerbsfähigkeit des MDSV mitbestimmen.
- Die Zukunft der Chemie in Mitteldeutschland hängt von einem engen Verbund mit anderen Sektoren ab. Energie-, Agrar-, Forst- und Abfallwirtschaft müssen stärker mit der Chemie vernetzt werden, damit Rohstoffe und Koppelprodukte effizient genutzt und neue, integrierte Wertschöpfungsketten geschaffen werden können.
Es wird deutlich, dass die Transformation des Reviers weniger durch technologische Machbarkeit begrenzt ist als durch passende marktliche und industriepolitische Gestaltung. Die Politik kann Rahmenbedingungen setzen, Investitionsrisiken mindern und die Koordination gemeinschaftlicher Infrastrukturen ermöglichen. Für Akteure der Industrie und Politik liefert die Studie einen analytischen Entscheidungsrahmen, mit dessen Hilfe Investitionsoptionen hinsichtlich ihrer technoökonomischen Auswirkungen bewertet und Strategien abgeleitet werden können.
Das Fraunhofer IKTS mit dem CEM in Halle verfügt über umfangreiche Expertise und Erfahrung in der Erstellung technoökonomischer Analysen und unterstützt auch andere Regionen bei vergleichbaren Transformationsprozessen. Die entwickelten Modelle und Methoden sind übertragbar und ermöglichen vergleichbare Bewertungen auch für weitere Chemie- und Industriestandorte, die vor ähnlichen Transformationsherausforderungen stehen.
Die Studie entstand im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) geförderten Projekts »House of Transfer«, das die Transformation der chemischen Industrie in der Region durch Entwicklung nachhaltiger Rohstoffstrategien unterstützt.
Projekt »House of Transfer«
Fördergeber: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
Laufzeit: 01/2023-12/2026